Diskussion: über das Thema "Think global - act local"

Datum: 20.10.2011

Die Tageszeitung galt lange Zeit als das wichtigste lokale Medium, das dem Menschen die Informationen und Hintergründe um das Geschehen in seiner direkten Umgebung näher brachte. In der Ära von Digitalisierung und Internet jedoch stellen Online-Angebote bislang erfolgreiche Geschäftsmodelle zunehmend in Frage. Mit niedrigen Produktionskosten und der Schnelligkeit des Internets erwächst der Zeitung zudem durch lokale Weblogs eine neue Konkurrenz. Bei einer Veranstaltung des Internationalen PresseClubs München e. V. diskutierten Journalisten im Rahmen der MEDIENTAGE MÜNCHEN über die Bedeutung des Lokalen im digitalen Zeitalter. „Liegt die Zukunft des Lokaljournalismus im Internet?", wollte Ruthart Tresselt, Vorsitzender beim Internationalen PresseClub München, von den Gästen auf dem Podium wissen. Tim Cole, Münchner Internet-Publizist, macht sich große Sorgen um den Fortbestand der Tageszeitung, deren Geschäftsmodell er in Gefahr sieht. „Die Tageszeitungen machen ihren Job nicht!", kritisierte Cole und belegte dies mit einem Blick auf die aktuellen Ausgaben der Münchner Zeitungen. Deren Redaktionen vernachlässigten das Lokale, die Aktualität der Meldungen sei „erbärmlich", der Lokaljournalismus werde bei den in München erscheinenden Tageszeitungen nicht mit gleicher Sorgfalt gepflegt wie deren überregionaler Teil, lautete Coles Fazit. Martin Wanninger, Leiter der Online-Redaktion der Passauer Neue Presse, hielt Coles Kritik entgegen, dass die Lokalteile bei Regionalzeitungen grundsätzlich anders ausschauen würden als bei den überregionalen Prestige-Zeitungen. „Das Lokale ist unser Geschäft", sagte Wanninger und beschrieb sein Blatt in weiten Teilen sogar als „hyperlokal". Grundsätzlich bestätigte Wanninger aber, dass bestehende Geschäftsmodelle des Lokaljournalismus im Internet auf den Prüfstand müssten. Die größte lokale Relevanz für den Leser hätten nach wie vor die Todesanzeigen. „Im Internet müssen wir nun aber entscheiden, was wir für die Leser frei geben - wie etwa die Namen der Verstorbenen - und wofür die Online-Nutzer zahlen müssen, wie beispielsweise die weiterführende Information, wann und wo die Beerdigung stattfindet". Dirk von Gehlen, Redaktionsleiter von jetzt.de, sieht einen tiefen digitalen Riss in der Gesellschaft. Die klassische Tageszeitung setze voraus, dass ein Mensch irgendwo zuhause sei. Doch für viele Menschen sei heute das Internet die eigentliche Heimat. „Die Frage ist doch: Wie komme ich mit meinem Publikum in den Dialog? Nur dann kann ich versuchen Inhalte zu entwickeln, für die Leute auch Geld zu bezahlen bereit sind", betonte von Gehlen. Die sozialen Netzwerke, so befand er, seien keine originäre Idee des Facebook-Gründers Mark Zuckerberg. Den „Dialog-Journalismus" hätten vielmehr die Tageszeitungen erfunden. Im Laufe der Experten-Diskussion zeigten sich unterschiedliche Auffassungen über den Wert und die Bedeutung des Bürgerjournalismus. Während Tim Cole eine stärkere Beteiligung der Leser an der Produktion des lokalen Contents einforderte, betrachtete Martin Wanninger den Nutzen und die Möglichkeiten des Bürgerjournalismus als begrenzt. Die Einbindung von Leserreportern funktioniere gut bei Verkehrs- und Blitzer-Meldungen, tauge jedoch nicht für investigative Geschichten. Man müsse aufhören mit der Debatte, Profijournalisten gegen Amateure ausspielen zu wollen, warnte Dirk von Gehlen. Vielmehr laute die zentrale Frage: „Wo sind Amateure so gut, dass ich sie für professionelle Produkte nutzen kann?" Einig waren sich am Ende alle Diskussionsteilnehmer auf dem Podium darüber, dass das Internet das Berufsbild des Lokaljournalisten verändert habe. Die Schlussfolgerung daraus für die weitere Zukunft des Lokaljournalismus hänge jedoch stark davon ab, welche Geschäftsmodelle für einen dauerhaft wirtschaftlich tragfähigen Bestand der Zeitungen sorgen könnten.

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