Diskussion: Polit-Talks - Zwischen Information und Inszenierung

Datum: 21.10.2011

In einer idealen Fernsehwelt geben politische Talkshows Raum für „magische Momente" und liefern ihren Zuschauern regelmäßig einen „Erkenntnisgewinn". Darin war sich das hochkarätig besetzte Podium auf einem Panel der Bayerischen Landeszentrale für neue Medien (BLM) während der MEDIENTAGE MÜNCHEN einig. In der derzeitigen deutschen Fernsehrealität glichen die Polit-Talks allerdings eher einem perfekt inszenierten „Kasperle-Theater". Claus Strunz, Geschäftsführer TV- und Video-Produktionen bei Axel Springer und selbst seit knapp zehn Jahren als Polit-Talkmaster im deutschen Fernsehen tätig, fasste zunächst die Erfahrungen mit seinem jüngsten Talk-Format „Eins gegen Eins" zusammen, das er seit Anfang des Jahres auf Sat.1 präsentiert: Für eine erfolgreiche politische Talksendung gelte es, die richtige Mischung zwischen „Schach und Boxen", zwischen ernsthaften und unterhaltsamen Themen zu finden, lautete Strunz' „Zauberformel". Damit habe er es geschafft, „den politischen Talk zurück ins Privatfernsehen zu bringen" und sogar die umworbene junge Zielgruppe zwischen 14 und 49 Jahren für komplexe Sachverhalte zu interessieren. „Millionen Menschen schauen sich das mit Vergnügen an", betonte der Journalist, „deshalb kann es gar nicht genug Polit-Talk" geben". Polittalk-Pionierin Sabine Christiansen sah die inflationäre Entwicklungen der Formate kritischer: „Warum haben wir soviel vom Gleichen?", fragte sie und wünschte sich mehr Differenzierungen, einen höheren Wiedererkennungswert der einzelnen Marken sowie flexiblere Konzepte. Härter ging Fernsehkritiker und Journalist Hans Hoff mit den Talkshows ins Gericht: „Polit-Talks", so Hoffs Erkenntnis, „gibt es im deutschen Fernsehen gar nicht mehr". Vielmehr verglich er die immer „Stern TV-iger" werdenden Formate mit einem „perfekt inszenierten Kasperle-Theater" oder „einer Meisterschaft im Jonglieren von Worthülsen". Schon lange, bestätigte auch Politik-Berater und Blogger Michael H. Spreng, werde in den einschlägigen Formaten „zu viel getalkt und zu wenig geredet". Ein „Erkenntnisgewinn", für Spreng der eigentliche Sinn einer politischen Talkshow, bleibe dabei allerdings meist auf der Strecke. Unverständnis über die Kritik an den Polit-Talks im deutschen Fernsehen äußerte einzig Jürgen Schulte, Geschäftsführer der Fernsehproduktionsfirma Ansager & Schnipselmann und Produzent der politischen Talksendung „Hart aber fair" mit Frank Plasberg. Er bemerke weder eine Talkshow- Flut noch Gleichmacherei. Nach wie vor bestehe die Möglichkeit, magische Momente und Erkenntnisgewinn zu liefern. „Nicht jede Woche, aber immer wieder", unterstrich Schulte. Als einer, der sich zumindest bemüht, alles anders zu machen, präsentierte sich Dr. Michel Friedmann, Moderator der wöchentlichen Polit-Talkshow „Studio Friedmann" auf N24. Seine Sendung sei „pur" und „ohne Spielereien", betonte Friedmann, seine Gäste kämen ausschließlich aus der Politik. Sogenannte „Experten" oder gar eine „Prominenten-Bank" lehnte Friedmann ebenso kategorisch ab wie „Mitleid mit den Gästen". Wichtig sei für ihn, „dass ich authentisch bin, ich muss kein Sympathieträger sein". Ob Friedmanns eigenwilliges Konzept beispielgebend für politische Talkshows außerhalb der Nische sein werde, wurde bezweifelt. Mutige Formate, bedauerten die Fernsehmacher, scheiterten nach wie vor viel zu oft an Quotendruck und Fernsehkritik. „Am Ende", fasste Claus Strunz zusammen, „brauchen wir auch ein paar Zuschauer".

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