Content-Gipfel 2011: Meinungsbildung heute - politische Agenda

Datum: 21.10.2011

Ist die repräsentative Demokratie durch die verstärkte Bürgerbeteiligung über das Internet in die Krise gekommen? Ein Stück weit schon, waren sich die Diskutanten beim Content-Gipfel der MEDIENTAGE MÜNCHEN einig. Zumindest ist die Politik nun mit einer schnellen Netz-Community konfrontiert, die es den etablierten Parteien und den Meinungsmachern in den klassischen Medien erschwert, die Meinungsbildung zu steuern. Oder, wie es der Politiker und Stuttgart 21-Schlichter Dr. Heiner Geißler ausdrückte: Der Fakten-Check werde einfacher, das Lügen schwerer: „Das Internet“, so lautete seine These, „schafft eine neue Ära der Aufklärung.“ Den Informationsgewinn und die verstärkten Partizipationsmöglichkeiten durch Blogs und soziale Medien analysierte auch Thomas Krüger, Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung. In seinem Impulsreferat zum Thema: „Revolutionsplattform Facebook? Wie das Internet politische Umbrüche beeinflusst“ bezweifelte er, ob die Meinungsbildung durch die Partizipation 2.0 tatsächlich wirklich basisdemokratisch geworden sei. Soziale Medien bestimmten zwar den Mainstream mit, machten aber etwa Protestbewegungen, die auf die Straße gingen, nicht überflüssig. Die technische Reichweite des Internet vereinfache den öffentlichen Diskurs. Doch eine aufgeklärte und demokratische Gesellschaft dürfe nicht von der Technik getrieben werden. Andernfalls drohe womöglich eine „Diktatur der Unvernetzten“. Die Debatte über den digitalen Wandel müsse auch im öffentlichen Raum stattfinden, sagte der Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung. Schließlich gebe es im Internet auch eine von Facebook, Google, Twitter & Co kontrollierte Öffentlichkeit. Krügers provokante These zum Einstieg in die Diskussion: Eine kleine Elite aus Meinungsmachern, Politikern und Lobbyisten setzen die Themen für den großen Rest der Öffentlichkeit. Und diese Selbstreferentialität präge auch das Internet. Agenda-Setting durch ein Elite-Netzwerk? Dieser These widersprach Detlef Esslinger. Der stellvertretende Ressortleiter für Innenpolitik der Süddeutschen Zeitung betonte, die Themen würden nach dem Zeitgeist gesetzt, weil sich die Menschen nicht vorschreiben ließen, worüber sie diskutieren. Allerdings, schränkte Politikberater und Blogger Michael Spreng ein, komme ein Thema erst dann wirklich zur Geltung, wenn das Zusammenspiel aller Mediengattungen funktioniere. Als Beispiel dafür führte er den während der MEDIENTAGE MÜNCHEN viel zitierten Bundestrojaner an. Blogger Markus Beckedahl, Vertreter eben jener Netzwelt, die für die Diskussionsteilnehmer ein neues „Lebensgefühl“ symbolisiere, sieht das Zusammenspiel zwischen alten und neuen Medien nur als Übergangsphase. Die Meinungsbildung „von unten“ werde immer stärker an Bedeutung gewinnen – allein deshalb, weil die Organisation von Kampagnen und Protesten durch die Orts- und Zeitunabhängigkeit des Internet sehr viel einfacher werde. Der Begriff des Agenda-Setting werde genauso überschätzt wie die so häufig beschworene revolutionäre Wirkung des Internet, betonte dagegen der Publizist Dr. Wolfram Weimer. Das Feedback auf die journalistische Themeneinordnung verändere das, was die Medien machen, ergänzte Christoph Keese, Konzerngeschäftsführer Public Affairs bei Axel Springer. Er warnte davor, zu unterschätzen, dass „unser Blickfeld“ in Wahrheit auch im Internet verengt werde. Am Ende bekämen die Nutzer nur noch ihre eigene Meinung präsentiert (Tunneleffekt). Nach Ansicht von Michael Spreng haben die klassischen Medien ihre Meinungsführerschaft an ihre Online-Medien abgegeben (Beispiel: Spiegel online), die eine direktere Lenkung als die Printausgaben ermöglichten.
      

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