Diskussion: Video und Fernsehen Over-The-Top: Wer profitiert / verliert?

Datum: 25.10.2012

Bewegtbildinhalte on-Demand und auf verschiedenen Endgeräten nutzen zu können, mit diesem Versprechen wenden sich sogenannte Over-The-Top-Anbieter an ihre Kunden. Sie transportieren online kostenlos Audio- und Videoinhalte auf die Endgeräte. Die neuen Nutzungsmöglichkeiten sind gefragt. Dank der steigenden Verbreitung von Smartphones und Tablets sowie der zunehmenden Parallelnutzung mehrerer Medien wird die Nachfrage weiter wachsen. Darüber herrschte Einigkeit unter den Experten eines Unternehmenspanels von Siemens, das im Rahmen der MEDIENTAGE MÜNCHEN stattfand. Die konkreten Erwartungshaltungen in Bezug auf die neuen Distributionsmöglichkeiten und ihre Refinanzierbarkeit wurden dabei jedoch durchaus kontrovers diskutiert. Für Thomas Heise, Vorsitzender der Geschäftsführung des Video-on-Demand-Portals Maxdome, entspricht die non-lineare Nutzung von Video- und TV-Inhalten on-Demand den ureigenen Bedürfnissen der Nutzer. Würde man Fernsehen heute neu erfinden, so hätte man als Ergebnis „eine riesige Datenbank mit exzellenter Suchmaschine“, über die Inhalte selektiv abgerufen und auf stationären wie mobilen Endgeräten konsumiert werden könnten. Nach langjähriger Gewöhnung an das lineare Programm müsse sich das Publikum jedoch erst auf die neuen Möglichkeiten einlassen: „Ich sehe die große Herausforderung in der Trägheit der Kunden.“ Auch Ronald Fiedler, Vice President Commercial Distribution bei Sky Deutschland, und wie Heise Anbieter eines Over-The-Top-Dienstes, betonte die Möglichkeit dieser Distributionsform: „On- Demand ist schön für den Fiction-Bereich.“ Gerade erfolgreiche US-Serien würden gerne in rascher Folge abgerufen. In non-linearen und Multi-Device-fähigen Formaten - etwa für die Zielgruppe Kinder -  sieht Fiedler zugleich eine Gelegenheit zur Diversifikation über das eigene Kernthema Sport hinaus, das von linearen Dramaturgien geprägt sei: „Wenn das Fußballspiel stattfindet, möchte ich dabei sein, wenn das Tor fällt.“ Prof. Dr. Klaus Goldhammer, Geschäftsführer von Goldmedia, beleuchtete vor allem die soziale Dimension der zunehmenden parallelen Mediennutzung. Facebook & Co. erweiterten das legendäre Lagerfeuer zu einem durch Posts und Tweets befeuerten Flächenbrand. Dies wiederum ermögliche neue Reichweiten- und Monetarisierungspotenziale: „Ein wöchentliches Format hat dann plötzlich ein zweites Leben“ – im Social Web. Die neuen interaktiven Möglichkeiten von verschiedenen, zum Teil hybriden Endgeräten müssten angesichts des rasanten Wandels nun möglichst rasch ausgelotet werden: „Das Perfide ist, dass Sie sich auch als Sender nicht entziehen können.“ Mit Verweis auf globale Trends und Erfahrungswerte prognostizierte auch Steve Oetegenn ein Wachstum des Over-The-Top-Marktes. Einige entscheidende Fragen seien im Hinblick auf eine langfristige und nachhaltige Entwicklung jedoch noch ungeklärt, sagte der Chief Sales and Marketing Officer bei Verimatrix, einem Fachanbieter für die Absicherung und Steigerung von Mehrfachbildschirm- Digital-Fernsehdiensten. Vor allem gehe es um tragfähige Refinanzierungsmodelle inmitten des „Wild Wild Web.“ Zwar zeichne sich auf Nutzerseite die Bereitschaft ab, für on-Demand- Inhalte wenigstens moderate Leihgebühren zu zahlen. Das sei insbesondere dann der Fall, wenn es sich um exklusiven Premium-Content wie etwa neue Hollywood-Produktionen handele. Gerade in diesem Bereich habe aber auch das Thema Sicherheit die allerhöchste Priorität. Weitere Bedenken hat Oetegenn mit Blick auf die technischen Kapazitäten, die nötig sind, um eine rasant wachsende Menge von Bewegtbildabrufen auch tatsächlich zu ermöglichen: „Wir haben die Technologie heute mit Sicherheit nicht.“ Auch Nelson Killius, Direktor Corporate Development bei Kabel Deutschland, goss nach eigener Aussage „etwas Wasser in den Wein“ der Over-The-Top-Anbieter. Die Internet-Kapazitäten seien begrenzt und überdies „scheiß teuer.“ Um der bestehenden Nachfrage auch technisch entsprechen zu können, mahnt er eine verstärkte Kooperation von Over-The-Top-Anbietern und Netzbetreibern an: „Wir werden als Industrie einen Weg finden müssen, diesen exorbitanten Verkehr zu monetarisieren.“ Gemeinsam gelte es zunächst effektive Verbreitungswege zu finden, um eine an den Kundenwünschen orientierte Distribution von Bewegtbildinhalten zu realisieren. Frank-Alexander Zahn, CEO der exozet group, Agentur für digitale Kommunikation, sieht das entscheidende Erfolgskriterium für den Markt eher bei der Qualität der angebotenen Inhalte. Seien diese attraktiv und die Nachfrage stark genug, würde die Ausweitung der Kapazitäten Schritt für Schritt nachgeholt werden. Dies sei seine langjährige Erfahrung.

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