Diskussion: Pay-TV auf Wachstumskurs? Erfolgsfaktoren fürs Pay-TV

Datum: 26.10.2012

Die qualitative Abwärtsspirale, in die das Fernsehen seit einiger Zeit gerät, ist keine Frage gekürzter Etats, sondern mangelnder Risikobereitschaft in den Sendern. Zu diesem Schluss kamen die Teilnehmer eines gemeinsamen Panels der MEDIENTAGE MÜNCHEN und der Bayerischen Landeszentrale für neue Medien (BLM) zur Zukunft des Fernsehprogramms. „Es gibt keine Programmkrise, gutes Programm gibt es genug", stellte Klaudia Wick, langjähriges Mitglied der deutschen Fernsehpreis-Jury, zu Beginn der Veranstaltung fest. Vielmehr konstatierte die Fernsehkritikerin „eine veritable Publikumskrise". Das Publikum wolle vor dem Bildschirm einfach nicht mehr gefesselt werden, wolle lieber intellektuell unterfordert als emotional durchgeschüttelt werden, suche nicht nach Herausforderungen, sondern nach Beiläufigkeit. Das Fernsehen sei zu einem „Restzeitmedium" geworden. Und an dieser Entwicklung, so Wicks provokante These, seien die Programmplaner nicht unschuldig. Viel zu oft ließen sie das Publikum mit dem flauen Gefühl zurück, seine Restzeit auch noch vergeudet zu haben. Folglich müssten Innovationen her. „Aber wer fängt an?", fragte Wick in die Runde. „Der Sender mit dem unerhörten Programm oder der Zuschauer mit der ungeteilten Aufmerksamkeit?". Joachim Kosack, Mitglied der Geschäftsführung Teamworx Ufa und ehemaliger Sat.1-Chef, hält das für eine Frage der Haltung der verantwortlichen Programmmacher: „Es gibt zu viele Misserfolgsvermeider und zu wenige Erfolgssucher", kritisierte Kosack. Es gehe nicht ums Geld, sondern um Visionen und darum, das Richtige aus dem Geld zu machen. Dabei brach der Produzent gleichzeitig eine Lanze für das vielfach gescholtene „Billigfernsehen" in Form von Scripted-Reality-Formaten, das derzeit den Nachmittag vieler Sender beherrscht. „Berlin - Tag und Nacht" etwa sei eine „echte Innovation" und die Produktion eines solchen Formats „ sehr mutig". Stefan Cordes, Geschäftsführer Filmpool Entertainment und Produzent der Pseudo-Doku-Soap, konnte dies nur bestätigen. „Wir machen Billigfernsehen", räumte er ein, „aber mit ‚Berlin -- Tag und Nacht', sind wir ein großes Risiko eingegangen", erklärte Cordes. Gleichzeitig sieht er solche Formate nicht als dauerhaft erfolgreich: „In ein paar Jahren wird das Programm wieder anders aussehen", prophezeite er. Auch Dr. Dieter Wedel, Regisseur so herausragender TV-Events wie „Der große Bellheim" oder „Der Schattenmann", kritisierte die Programmplaner. Mehrteiler nach Vorbild seiner 90er-Jahre- Erfolge seien heute nicht mehr denkbar, stellte der Regisseur fest. Zu groß sei die Angst vor Flops. „Vor lauter Angst einen Misserfolg zu haben, riskiert man auch den Erfolg nicht mehr", urteilte Wedel und kritisierte dabei die immer längeren Debatten um Marktchancen und Finanzierungsmöglichkeiten. „Das Gespräch über Inhalte wird zurückgedrängt", lautete sein Fazit. Inhalte sucht zur Zeit Marcus Ammon, Senior Vice President Programming Sky Deutschland. Sein Sender sei ständig bemüht um neue Nischen. Er glaubt, die derzeitige Programmentwicklung rund um das Billigfernsehen spiele Sky in die Hände. Seine Antwort auf die preiswerten Formate laute Qualitätsfernsehen, „um anders zu sein" wie Ammon erklärte. Auf lange Sicht will er deshalb neben Sport und Spielfilmen eine dritte Programmsäule mit hochwertigen fiktionalen Eigenproduktionen aufbauen. Seine ganz eigene Meinung zur derzeitigen Programmgestaltung hat Fernseh-Satiriker und Grimme-Preisträger Philipp Walulis. Natürlich halte er die Formate am Nachmittag für „austauschbaren Brei", so der Moderator, schaden würden sie dem Zuschauer aber nicht. Walulis sieht eher eine Gefahr für die ausstrahlenden Sender, die damit riskierten, ihre Glaubwürdigkeit zu verlieren. „Scripted Reality ist wie Crack: Für eine kurze Zeit ist es ganz toll, auf lange Sicht macht es den Körper kaputt", so sein Vergleich.

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